Es roch süß, aber auch frisch, nach Blumen und gleichzeitig nach Power. Ich erinnere mich an den Duft des Spice Girls Deos, das meine beste Freundin und ich in Stürmen über uns und unsere Kleidung sprühten.
Es war einfach perfekt, so für unsere Schwärme zu riechen. Wir waren cool, stark und das Abbild der Power-Girls, die sich nichts sagen ließen.
Anne, war meine beste Freundin, seit ich denken konnte. Wir verbrachten jede Sekunde zusammen. Ich wusste alles über sie, und sie wusste jedes einzelne Detail meines Lebens.
Die ersten Dates, Küsse, das erste Mal und die ersten echten Beziehungen – sie alle hatten eines gemeinsam: Wir beide teilten alles miteinander und waren die stärksten Ratgeber, die die Welt kannte.
Anne und ich – ein Duo für die Ewigkeit – so dachte ich zumindest.
Anne – eine starke, junge Frau, die sich niemals manipulieren lassen würde – so dachte ich zumindest.
Wie ich mich doch täuschte!
Meine Freundin, Verliebtheit und Freundschaft
Während ich oft mit meinen Unsicherheiten zu kämpfen hatte und Anne mich oft schimpfte, weil ich wegen Blödsinns rumnörgelte, war sie komplett anders.
Ihre langen braunen Haare, blauen Augen und ihre tolle Figur wurden von ihrer wunderbaren Persönlichkeit gekrönt.
Anne war empathisch, freundlich und lustig. Sie war die Erste im Raum, die einen coolen Eisbrecher parat hatte, und jeder liebte es, Zeit mit ihr zu verbringen.
Sie war offen, hilfsbereit und einfach ein Mensch, mit dem man Pferde stehlen konnte.
Anne war für viele Männer die Traumfrau schlechthin.
Und als es an der Zeit war, zu daten, musste sie nicht lange auf interessierte Männer warten. Sie schienen magnetisch zu ihr hingezogen zu sein.
Das, was wir beide gemeinsam hatten, war unsere romantische Ader.
Wir beide wollten sie – die wahre Liebe.
Klar, auch wir griffen in diesem Bereich ab und zu ins Klo, doch dann kam er.
Der Mann, der Anne all ihre Wünsche von den Augen ablas.
Es war der Mann, auf den sie gewartet hatte. Er war derjenige, dem sie ihr Herz und ihre Seele in die Hände legen wollte – und das tat sie auch.
Sie schwebte auf Wolke sieben
Schon nach den ersten paar Dates wurde klar, dieser Mann war etwas ganz Besonderes. Ich erinnere mich noch heute genau an die Anrufe von Anne, in denen wir bis ins Detail über alles redeten.
Es dauerte nicht lange, bis die erste Verliebtheitsphase ihren Höhepunkt erreichte.
Die beiden wollten jede freie Sekunde miteinander verbringen. Sie konnten die Hände nicht voneinander lassen und waren einfach die glücklichsten Menschen auf Erden.
Ich sah Anne an und wusste, wie glücklich sie war. Mit der Zeit fand ich mich auch damit ab, dass ich meine beste Freundin nun mit einem Mann teilen musste.
Aber es machte mir nichts aus, ich freute mich, sie so zu sehen – glücklich und zufrieden.
Sie erzählte mir, wie er immer genau die richtigen Dinge sagte, ihr Aufmerksamkeit schenkte und kleine Dinge für sie tat.
Er war einfach der perfekte Mann – vielleicht sogar zu perfekt?
Wie es sich später herausstellte, lag ich mit diesem Gedanken gar nicht so falsch.
Von einer Wolke in ein tiefes Loch
Es war kein Geheimnis mehr, dass Anne immer mehr Zeit mit ihrem Freund verbrachte. Unsere Freundinnen meckerten immer mehr, dass sie sie kaum zu Gesicht bekamen. Auch mal spontan essen gehen oder einen lustigen Mädelsabend hatten wir nur selten.
Mit der Zeit wurde jeder dieser freien Abende mit Anrufen und SMS bombardiert, und ihre Laune änderte sich mit jeder Nachricht immer mehr.
Anne änderte ihren Stil, ihre lustige Art erlosch immer mehr, und ich wusste nicht, warum.
Mit jedem Monat wurde der Kreis der Menschen um sie herum immer kleiner. Darauf angesprochen hatte Anne keine wirkliche Antwort, eher ein Murmeln, dass diese Menschen nichts mehr für sie seien.
Doch das nahm ich ihr nicht ab.
Ich beobachtete meine Freundin, die einst allen die Aufmerksamkeit stahl, wie sie sich in eine Frau verwandelte, die keine Lust auf nichts mehr hatte, als Erste nach Hause ging und nur noch am Handy hing.
Doch das war noch lange nicht alles.
Liebe oder Freundschaft?
Unser Freundeskreis wandte sich immer mehr von ihr ab, sie war kaum wiederzuerkennen. Doch so leicht würde ich nicht aufgeben.
Ich suchte immer wieder das Gespräch mit Anne, wollte ein Teil ihres Lebens bleiben.
Sie sagte Worte und benahm sich auf eine Art und Weise, die ihr überhaupt nicht eigen war.
Und dann wusste ich es – ich verliere meine Freundin an ihren toxischen Partner.
Plötzlich wurde mir alles klar. Die Kontrollanrufe, die Entfremdung, die große Veränderung in ihrem Wesen. Er machte sie zu einer Hülle von allem, was sie einst war.
Er tötete vor meinen Augen meine beste Freundin und ich konnte nichts tun.
Und sie? Bei ihr lag die Wahl – er oder ich.
Ich bettelte sie an, flehte sie an, die Augen zu öffnen und zu sehen, was für ein Mensch er wirklich ist. Doch kaum hatte ich mich versehen, war ich der neue und größte Feind der beiden.
Meine beste Freundin ist nicht mehr da
Nein, er hat sie nicht umgebracht, sie ist körperlich noch am Leben. Doch dieser toxische Mann hat ihr ganzes Leben genommen.
Ihre Art, ihr Wesen, ihre Freude, Familie, Freunde, Selbstbewusstsein und Frohnatur – all das ist weg. Was ihr geblieben ist, sind er, seine Manipulationen und Spielchen.
Er hat ihr Leben genommen.
Er hat sie von uns allen getrennt.
Ich habe meine beste Freundin verloren.
Doch ich verliere die Hoffnung nicht. Ich möchte fest daran glauben, dass sie eines Tages aufwachen wird und die rosarote Brille abnehmen wird.
Ich hoffe fest darauf, dass ich meine beste Freundin eines Tages wieder in meine Arme schließen werde.
Anne, falls du das liest, ich werde für immer auf dich warten!